Grossartig,
wie raffiniert Pink Elln und Dandy Jack auf ihrem vierten
Album ? knapp 10 Jahre nach ihrem Debut ? die Sounds anrichten:
Aus den Trümmern der reduzierten Tanzmusik konstruieren
sie eine sensationelle, konsensfähige Popmusik an der
Schnittstelle Club/Airplay, ohne jemals auch nur einen Funken
des guten Geschmack zu verlieren ("Charlotte de Gaulle",
"Gone", "Love is o.k.").
Als
sei es die selbstverständlichste Innovation in der
musikalischen Welt, komprimiert "+1" die bewegendsten
Dancefloor-Styles und renoviert fast beiläufig den
ergrauten Anstrich von Electrofunk. Hier befindet sich jedes
Tönchen auf dem rechten Fleck und das Raster, in dem
alle Noten höchst kultiviert arrangiert sind, wird
zur Blaupause für einen aus dem progressiven TecHouse-Zeitalter
geborenen Tanzgenerator auf dem neuesten technologischen
Stand.
Mittlerweile
sind beide Musiker (vormals mit Homebase in Frankfurt) in
Berlin ansässig, was man der Firstclass-Produktion
von "+1" anmerkt, die das physische Element im
Sinnlichen betont. Während Pink Elln, einer der versiertesten
Tontechniker Europas, die Perfektion des elektronischen
Sounddesigns auf die Spitze treibt, ohne sich in Ornamentik
oder den Fahrwassern der Überproduktion zu verlieren,
rüttelt Hypermotoriker Dandy Jack dezent am organischen
Soundgerüst. Mit Erfolg ? der Sound ist so überzeugend
kompakt, gleichzeitig leicht erschliessbar, mit einem Hauch
von Dekadenz ("Cleaning Windows", "TV Machine"),
wie ihn vorher bloss das Yellow Magic Orchestra gestaltete.
Und diese prominenten Japaner waren ihrer Zeit mit jedem
Album erneut weit voraus…
Der
Kontakt zum Chilenen Jorge González, der auf "+1"
alle Vocals getextet, eingesungen und arrangiert hat ? teils
live im Berliner Sun Electric-Studio, teils via digitaler
Medien ?, besteht bereits seit Mitte der Neunziger. Der
Sänger, Bassist und netteste Superstar der Welt hat
1978 in Santiago de Chile das Trio Los Prisioneros gegründet
und war in den darauf folgenden Jahren zur landesweit verehrten
Berühmtheit aufgestiegen. Zu Zeiten des Putsches, der
Ausgangssperre und anderer Restriktionen hatte die Band
der chilenischen Jugend Mut und Hoffnung zugesprochen mittels
ihrer befreienden, für alle verständliche Musik
und der politischen, in Metaphern gekleideten Lyrics. 1992
löste sie sich einstweilig auf. 1997 gelang Jorge González,
Dandy Jack, Pink Elln, Argenis Brito (Mambotur, multiColor)
und Atom Heart das Experiment, eine Fusion traditioneller
lateinamerikanischer Musik mit digitaler Elektronik zu schliessen,
was in die Produktion des einzigartigen Albums der Supergroup
Gonzalo Martínez (multiColor) mündete.
Das
neue Werk "+1" setzt nun wieder einmal neue qualitative
Maßstäbe, es zelebriert mit einer lässigen
Professionalität die Einheit der Sinnesfreuden. "The
Future is Boring" behauptet Jorge González im
Intro des Albums zu Recht, denn wer mag schon ungeduldig
auf die Zukunft warten, wenn man das beste vom Feinsten
bereits in der Gegenwart haben kann.